• Yasmin

Ein Wort zum Sommer

Es war ein langer, irgendwie aber auch kurzer und heißer Sommer. Ich spreche hier nicht nur von den Temperaturen, die uns schon genug Gründe zur Sorge geben sollten. Ich spreche von den Demonstrationen, der generellen Unruhe und Unzufriedenheit, die sich mit der Hitzewelle im Land ausgebreitet hat. Manch einer macht die amerikanische Polizei für die derzeitigen Geschehnisse in Deutschland verantwortlich. „Ach, das ist jetzt hier nur so, weil das in Amerika passiert!“ sind Wörter, die ich diesen Sommer sehr oft gehört habe. Es sind Wörter, die oft von Menschen kommen, die bisher keine oder wenige schlechte Erfahrungen mit der deutschen Polizei gesammelt haben. Es sind Wörter, die vielleicht auch ein bisschen unüberlegt sind, aber ich kann es vielen dieser Menschen nicht Übel nehmen: Sie leben eine andere Realität als sie ein Mohammed, ein Mesut lebt oder wie ein George Floyd es gelebt hat. Sie werden sich nicht täglich mit bestimmten Mikroaggressionen auseinandersetzen müssen und so traurig es klingt, das müssen wir BIPoCs in Deutschland nun mal akzeptieren. Wir müssen akzeptieren, dass uns eine Anne-Marie oder ein Constantin nicht verstehen wird oder uns die Empathie zeigt, die wir uns wünschen. Was wir aber nicht akzeptieren müssen ist, dass uns unsere Erfahrung abgesprochen oder gar verharmlost wird. Menschen erleben grundsätzlich unterschiedliche Realitäten, darüber muss ich hier nicht diskutieren. Das Level an kognitiver Dissonanz, das ich diesen Sommer beobachten konnte, hat mich allerdings etwas erschreckt. Also frage ich mich: Warum werden die Probleme, die wir in Deutschland gerade beobachten, nicht als bösartiger Tumor gesehen, sondern als eine kleine Erkältung runtergespielt. Warum werden die Erfahrungswerte von Minderheiten in Deutschland, auf das Geschehen in den USA zurückgeführt? Ich habe lange darüber nachgedacht, lange diskutiert und bin auf folgende Punkte gekommen.

Emotion als illegitimes Instrument

Ich habe diesen Sommer so viele unterschiedliche junge, intelligente, engagierte Menschen auf den Straßen kennengelernt. Viele von ihnen waren zum ersten Mal auf Demonstrationen und haben das erste Mal auf Kundgebungen gesprochen. In den Reden konnte man oft raushören, dass man sich nicht immer einig war über den Umgang mit Politik, Polizei und einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Egal wie unterschiedlich die Meinungen waren, eine Verbindung konnte man aber trotzdem in den Gesichtern aller lesen: die Trauer, Wut, Angst und vor allem die Frustration, schwang sich wie ein roter Faden durch die Menge und verband jede einzelne Person. Emotional war jeder von uns. Emotionen waren auch was uns diesen Sommer zusammenhielt. Die Reaktion auf diese Emotionalität war Unverständnis von der groben Masse. Ein Unverständnis, das im Innenministerium begann. In Deutschland gilt die Meinungsfreiheit, die uns erlaubt unseren Frust öffentlich Kund zu geben. Die gleiche Freiheit, die es rechten Parteien und Individuen erlaubt über Volksmord zu fantasieren und menschenverachtende Parolen zu verbreiten. Traurigerweise hatte ich diesen Sommer das Gefühl, dass unsere Emotionalität für mehr Aufsehen gesorgt hat als die Mordfantasien von AFD Ex-Sprecher Lüth. Vielleicht täusche ich mich auch.

Allerdings frage ich mich trotzdem warum Emotionalität als unrechtmäßig gesehen wird. Ich frage mich das, weil ich ehrlich nicht weiß auf welche Art man sonst seinen Unmut ausdrücken soll. Besonders dann, wenn man Jahre lang es auf die ruhige Art versucht hat. Ich glaube ich spreche da für einen großen Teil, wenn ich sage, dass ich selbst keine Ahnung habe wie die perfekte Art und Weise des Protests aussieht. Ich weiß es wirklich nicht. Aber was ich weiß ist, dass ein Staat bei solchen Unruhen und bei solch einem anhaltenden Unmut vielleicht mal das Problem bei sich erkennen sollte und nicht bei der Emotionalität der Demonstrierenden. Das gilt für Anti-Rassismus Demonstration genauso wie für Querdenker Demonstrationen, auch wenn ich persönlich eine eigene Meinung zur letzteren Gruppe habe.

Repräsentation in den (Sozialen) Medien

Wir tragen alle eine Verantwortung, wenn es darum geht rassistisches Gedankengut nicht zu reproduzieren. Gerade unsere Medien sollten das wissen. In den Talkshows der alten Hasen sehen wir immer die selben Gäste plus Cem Özdemir, wenn es mal um das Thema Migration oder Integration geht (Sorry liebe Fernsehsender, aber Cem Özdemir repräsentiert schon seit langer Zeit keine migrantischen Deutschen in diesem Land). Talk Shows, die neu entstanden, wie z.B. Karakaya Talk*, werden von den Sendern nicht mehr weiter finanziert und sind nun gezwungen durch Crowdfunding ihre Shows weiterzuproduzieren.

*Die gleiche Show, die den Grimme Preis erhalten hat, wird radikal abgesetzt… Wenn Das mal nicht ein klares Zeichen ist.

“WENN WIR SOLCHE “MEINUNGEN” AKZEPTIEREN UND IN DIE BREITE, GUT BÜRGERLICHE MITTE UNSERER GESELLSCHAFT STREUEN, DANN KÖNNEN WIR UNS DOCH NICHT WUNDERN, DASS UNSERE MITTE LANGSAM RECHTS ABDRIFTET.

Auch in diesem Sommer zeigte sich das Problem bei den Sendern mal wieder glänzend: Maischberger lädt in letzter Sekunde eine schwarze Frau zum Gespräch ein, weil der Redaktion zu spät einfällt, dass es vielleicht gut wäre eine Person über die Geschehnisse in den USA sprechen zu lassen, die vielleicht davon betroffen ist **mind blown**. Lanz hat vor kurzem eine Dame zu Gast gehabt, die offen über ihre eigenen menschenverachtenden Ideologien im Fernsehen spricht und es schockiert uns trotzdem, dass immer mehr Menschen den Mut finden öffentlich rassistisch zu sein?! Wenn wir solche “Meinungen” (und nein Menschenverachtende Ideologien sind keine Meinungen, sondern – wie der Name es schon sagt – Ideologien) akzeptieren und in die breite, gut bürgerliche Mitte unserer Gesellschaft streuen, dann können wir uns doch nicht wundern, dass unsere Mitte langsam Rechts abdriftet. Die Medien tragen die Verantwortung solchen Ideologien keine Plattform zu geben und Betroffene von Rassismus reden zu lassen. Es ist doch nicht so schwer im 21. Jahrhundert betroffene Menschen zu finden. Mir persönlich fehlt diese Repräsentation, denn wir können keine Lösungen zu Problemen finden, die wir nicht verstehen. Und ehrlich gesagt werden wir diese Probleme auch nicht verstehen, wenn wir konstant “Experten” sprechen lassen, die von dem Problem aber nicht betroffen sind. Deswegen sollten wir vieleicht mal mehr zuhören als zu reden…. nur so ein Vorschlag.

Das gilt im Übrigen auch an uns Social Media Nutzer. Wir dürfen solchen Ideologien auch in unseren Stories und Posts keine Repräsentation mehr schenken, denn diese Empörungsgeilheit gibt solchen Ideologien eine Bühne. Und so sehr Social Media auch für Anti Rassismus Campagnen genutzt werden kann, wir müssen den Kontext, in dem wir Reposten im Hinterkopf behalten: Hilft mein Repost unserer Community oder schade ich ihr damit sogar mehr? Diese Frage, muss sich jeder selbst stellen und für sich beantworten.

Das Problem der Unsichtbarkeit

Also was genau hat das jetzt mit der Debatte um Polizeigewalt zu tun? Wenn wir Betroffenen von Polizeigewalt nicht sichtbar machen, dann werden wir ein offentsichtliches Problem in der Polizei auch nicht erkennen. Da wir aber Jahrzehnte genau diese Sichbarkeit gemieden haben und vor allem Minderheiten in Deutschland gezwungen waren diese Gewalt zu akzeptieren, ist es jetzt für Viele überaschend, dass auch Deutschland bei Polizeigewalt nicht mehr von Einzelfällen sprechen kann. Für diejenigen unter uns, die in einem “Sozialen Brennunkt” groß geworden sind, sind diese Nachrichten keine Nachrichten, sondern trauriger Alltag. Es ist die Unsichtbarkeit von Betroffenen in der breiten Masse, die dieses Problem für viele unverständlich macht. Ich will auch keine Polizeidebatte auf dieser Plattform beginnen, aber ich sehe es als essentiell an Probleme auch als Probleme zu benennen.

WENN WIR BETROFFENEN VON POLIZEIGEWALT NICHT SICHTBAR MACHEN, DANN WERDEN WIR EIN OFFENTSICHTLICHES PROBLEM IN DER POLIZEI AUCH NICHT ERKENNEN.

Ich möchte hier nochmal klarstellen, dass ich hier nicht pauschalisiere. Nicht alle Polizeibeamt*innen haben ein Rassismusproblem. Das zeigt sich alleine schon daran, dass es Beamt*innen gibt, die Ihre Vorgesetzten wegen Fehlverhalten melden oder anzeigen. Im Laufe meines Lebens habe ich tolle und sehr interessante Polizistinnen und Polizisten kennengelernt. Auch in den lezten Wochen, waren vereinzelt Beamt*innen dabei, die mir Hoffnung gegeben haben. Ich kritisiere also eine Institution, die es einem Vorgesetzten oder Beamt*innen überhaupt ermöglicht die Machtposition auszunutzen. Ich finde es ehrlich gesagt frustrierend, das immer wieder sagen und hören zu müssen… Ist ja nicht so, als würde die Polizei ihre Beamt*innen nicht dazu ausbilden in den Städten anhand des Phänotypens zu pauschalisieren. (Ich habe doch eine Polizeidebatte begonnen **Sigh***)


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